Zeit für gestern.

Eine kleine Geschichtsstunde.

Jede Geschichte hat ihren Anfang. Diese hier beginnt im vergangenen Jahrtausend. 1925 war es, da erhielt die norwegische Hauptstadt Christiana ihren früheren Namen Oslo zurück; da erschien in Berlin Franz Kafkas Roman „Der Prozess“; da wurde in New York Charlie Chaplins Film „Der Goldrausch“ uraufgeführt. Und in Strehlen in Schlesien (heute Strzelin) gründete Robert Zimmer ein kleines Uhrengeschäft.

Er spezialisierte sich zunächst auf den An- und Verkauf mechanischer Wecker, etwas anderes war zur damaligen Zeit auch kaum aufzutreiben. Später kamen ein paar Taschenuhren dazu, die er verkaufte und reparierte und ein paar Armbanduhren, noch später ein wenig Schmuck. Robert Zimmers Geschäft wuchs in bescheidenem Maße, so dass er seine Familie ernähren konnte – nicht mehr, aber auch nicht weniger: Zwei Söhne hatte der Gründer der Firma Zimmer und eine Tochter und natürlich seine Ehefrau Helene.

Dann begann der Zweite Weltkrieg. Gewalt, Zerstörung, Mord. 20 Jahre nachdem Robert Zimmer sein Geschäft gegründet hatte, musste er es schon wieder aufgeben. Er wurde mit seiner Familie Anfang 1945 aus seiner Heimat vertrieben. Kann oder mag sich das heute noch jemand vorstellen, wie es sein muss, von heute auf morgen allen Besitz, alle Freunde, Bekannten und Verwandten, das Haus und den Hof, alle Gerüche, die vertrauten Straßen der Jugend und die geheimen Plätze der Kindheit hinter sich zu lassen, weil man es muss? Weil man gewaltsam dazu gezwungen wird? Die Brutalität des Krieges verstehen nur die, die daran teilgenommen haben.

Nur das Notwendigste, ein paar Kleidungsstücke, ein paar Erinnerungsfotos und je einen warmen Mantel pro Person durfte die Familie Zimmer zusammenpacken – das Schicksal teilte sie mit vielen Tausenden anderen Vertriebenen. Heimlich schmuggelte Robert Zimmer einen kleinen Teil unentbehrlicher Uhrmacher-Werkzeuge in seinem Koffer. Bei der Ausreise wurden sie von russischen Soldaten entdeckt und zerstört. Trotzdem gelang es ihm, einige Handwerkszeuge zu behalten, indem er Pinzetten und Schraubendreher in Streichholzschachteln oder ähnlichen Verpackungen versteckte.

Im bitterkalten Februar 1945 bestieg die Familie in Strehlen einen Zug, ohne dessen Ziel zu kennen. Während Nachbarzüge in Herne oder Dortmund hielten, fuhr dieser in die Ruhrgebietsstadt Castrop-Rauxel. Er hätte auch woanders stoppen können.

So kam es, dass nach Kriegsende im Mai 1945 Robert Zimmer die erste Uhrmacher-Reparaturwerkstatt in der neuen Heimat eröffnete. Und die war zunächst nichts anderes als ein abgetrennter Raum der privaten Unterkunft in der Wittenerstraße 95a in der kriegszerstörten Stadt Castrop-Rauxel. Sein ältester Sohn Siegfried, der das Geschäft einmal übernehmen sollte, blieb in den Nachkriegswirren zunächst verschollen. Nach einer langen und aufwändigen Suche fand ihn Robert Zimmer 1946 im schönen Bayern. Ohne zu ahnen, wo der Rest seiner Familie abgeblieben war – und ob die überhaupt noch lebte -, hatte sich Siegfried dort am Tegernsee als Landarbeiter durchgeschlagen

Ein Uhrmachergeschäft in der Privatwohnung kann natürlich kein Dauerzustand sein. Robert und Siegfried Zimmer warteten auf ihre Chance.

Die kam im Jahr 1948: Die beiden zogen samt dem Rest der Familie in die Münsterstraße 41 und eröffneten hier ihr erstes Verkaufsgeschäft „Uhren-Zimmer – Gold- & Silberwaren“.

1959 übernahm Siegfried Zimmer den Betrieb seines Vaters, der 1961 im Alter von 64 Jahren starb.

1963 bezog er größere Geschäftsräume am Münsterplatz 24: „Siegfried Zimmer – Uhren, Schmuck, Bestecke“.

Und 1983 wechselte Siegfried Zimmer schließlich in die Castrop-Rauxeler Fußgängerzone „Am Markt 25“ – bis heute Sitz und Adresse von Zimmer – Der Altstadt-Juwelier.

Bis Mitte der 1980er Jahre lag die Kernkompetenz des Unternehmens im Verkauf und in der Reparatur mechanischer Uhren. 1985 stieg Matthias Zimmer, einer der beiden Söhne von Brigitte und Siegfried Zimmer, in den Familienbetrieb ein. Er gründete die firmeneigene Goldschmiede-Meisterwerkstatt, die 1989 unter der Leitung von Goldschmiedemeister Robert Kreutner eröffnet wurde. Durch ebenerdige Fenster in der Mühlengasse können Kunden und Interessenten hier den Goldschmieden bei ihrer Arbeit zusehen.

Im Jahr 1990 setzte sich Siegfried Zimmer nach 45 Jahren als Uhrmachermeister zur Ruhe und Sohn Matthias übernahm in dritter Generation den Betrieb. Siegfried Zimmer starb im Jahr 2000 im Alter von 75 Jahren.

Der Castrop-Rauxeler Bildhauer und Künstler Jan Bormann hat Mitte der 1980er Jahre die Sandstein-Fassade „Am Markt 25“ grundsaniert. Der Architekturstil wird der Epoche des Jugendstils zugeschrieben, näher bezeichnet als Reformstil. Im Jahr 1999 wurden die Geschäftsräume erweitert und der Ladeninnenraum neu gestaltet. Das Gebäude steht, wie alle umliegenden Gebäude, unter Denkmalschutz. Es wurde 1911 von der Witwe Cohen erbaut und zunächst von jüdischen Kaufleuten bewohnt. Die auch als Geschäftsräume genutzten Zimmer sowie die umliegenden Häuser wurden Ende der 1930er Jahre verstärkt von Nationalsozialisten arisiert.

Typisch für dieses Haus ist die sandsteingefertige Fassade mit den drei Köpfen der Könige Salomon, Saul und David. Die drei Söhne der Witwe Cohen ließen sie damals in die Fassade einmeißeln. Die Nationalsozialisten erkannten die jüdischen Könige aber nicht und ließen sie aus diesem Grund unberührt. In der Reichsprogromnacht wurde das Haus „Am Markt 25“ und viele weitere, von den Juden erbauten Häuser in Brand gesteckt und verwüstet. Dieses Haus ist der kompletten Vernichtung durch Brände zwar entkommen, wurde aber stark beschädigt.

Seit 2010 arbeitet Matthias Zimmer mit dem Schmuckgestalter und Künstler Michael Bischoff zusammen. Aus dieser engen Zusammenarbeit entwickelten sich die Zimmer-eigenen Schmucklinien SCHICHTWECHSEL und TORUS8. Diese durch Gebrauchsmuster geschützten Schmucklinien werden von Zimmer exklusiv gefertigt und national vermarktet. Für die ersten Entwürfe von SCHICHTWECHSEL wurde Michael Bischoff unter anderem mit dem red dot design-award ausgezeichnet, seine Arbeiten wurden in die Sammlung der MAK - Österreichisches Museum für angewandte Kunst/Gegenwartskunst aufgenommen.

Zimmer-Der Altstadt-Juwelier“ ist u.a. Entwickler und Stifter des Marketingpreises der Stadt Castrop-Rauxel, des Solidarfondspreises, des Ehrenpreises Sportler des Jahres sowie Hersteller der VdV-Trophäe (Vereinigung der Vertragsfußballspieler).

In den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts wurde „Zimmer-Der Altstadt-Juwelier“ mehrfach vom Schmuckmagazin unter die Top 100 der besten Schmuckgeschäfte, Juweliere und Galerien im deutschsprachigen Raum und den Benelux-Ländern gewählt.

Soweit die Geschichte bis jetzt.

Die kurze Geschichte eines Familienbetriebes über annähernd 100 Jahre. Eine Geschichte über Aufbau und Zerstörung, über Neubeginn und Niederlage, über Mut und Verzweiflung und Leidenschaft und Hoffnung. Eine Geschichte über Höhen und Tiefen. Eine Geschichte aus dem wirklichen Leben halt.

Doch eine Geschichte ist erst zu Ende, wenn sie zu Ende ist. Wir freuen uns auf die laufende Fortsetzung.

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